44. Duisburger Filmwoche - doxs! dokumentarfilme für kinder und jugendliche #19 - Duisburg, Berlin, Hamburg, Köln, München, Wien, Zürich - 2. bis 8.11.2020

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Aktuelles Festivalkonzept Duisburger Filmwoche

20. Oktober 2020

Die aktuellen Veränderungen bei Reisebestimmungen und den Corona-Schutzverordnungen veranlassen die Duisburger Filmwoche und doxs!, die geplante Festivalstruktur erneut den Rahmenbedingungen anzupassen. Zwar können beide Festivals ihren Spielbetrieb im Kino filmforum zum jetzigen Stand aufrechterhalten, aber auf die Einladung von Filmteams und damit auch auf Filmdiskussionen mit den Regiegästen muss verzichtet werden. Stattdessen werden Gespräche mit den Autoren von Kommissionsmitgliedern und Moderatoren geführt, vorab aufgezeichnet und im Anschluss an die Filmvorführungen gezeigt.

„In der jetzigen Situation müssen wir abwägen, unter welchen Voraussetzungen wir kulturelles Leben verantwortungsbewusst fortsetzen können. Daher haben wir schweren Herzens die Entscheidung getroffen, Filmschaffende erstmals nicht nach Duisburg einzuladen. Umso mehr freut es uns, dass wir mit den Möglichkeiten digitaler Angebote den diskursiven Kern der Duisburger Filmwoche online aufrechterhalten können. Den Filmschaffenden und Partnern des Festivals gilt mein ausdrücklicher Dank für ihr Engagement und ihr Verständnis“, so Oberbürgermeister Sören Link.

Kulturdezernentin Astrid Neese dankt der Festivalleitung für ihr ambitioniertes und vorausschauendes Festivalkonzept, das sich angesichts der zunehmenden Einschränkungen nun bewährt: „Die dezentrale und hybride Struktur der Filmwoche und doxs! ermöglicht die größtmögliche Flexibilität auf die Entwicklungen zu reagieren. So können die Filme über Duisburg hinaus ein Publikum erreichen und damit einen wichtigen Beitrag leisten, Filmschaffende in dieser schwierigen Situation zu unterstützen.“

Überregionales Fachpublikum und Pressevertreter können das Festivalprogramm, aufgezeichnete Gespräche und weitere Texte zu den Filmen über eine Online-Plattform wahrnehmen. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, ausgewählte Filme im Rahmen der Satellitenveranstaltungen in Hamburg, München, Köln, Berlin, Zürich und Wien im Kino zu sehen. Ob und in welcher Form dort Diskussionen mit Filmschaffenden möglich sein werden, wird kurzfristig entschieden und kommuniziert.

Die Festivalleiter Gudrun Sommer und Christian Koch: „Für das Festivalteam ist es besonders bitter, dass wir die Filmschaffenden nicht persönlich bei uns begrüßen werden. Diese soziale und diskursive Leerstelle können wir nicht schließen. Aber wir können die Filme sprechen lassen: mutiges, streitbares und leidenschaftliches dokumentarisches Kino auf der großen Leinwand, diskursiv angereichert von Beiträgen auf unserer Online-Plattform. Solange es möglich ist, in der jetzigen Situation verantwortungsvoll einen kulturellen Beitrag zu leisten, setzen wir alles daran, dies unsererseits zu ermöglichen.“

Ebenfalls als hybride Veranstaltung wird die Konferenz „Wie weiter?“ zur dokumentarischen Serie am 2. November 2020 stattfinden. Über einen Stream aus dem Kino filmforum in Duisburg können angemeldete Besucher den Konferenztag online wahrnehmen und sich über einen Chat mit den Referenten austauschen. Aufgrund der neuen Veranstaltungsform ist die Anmeldefrist bis zum 27. Oktober 2020 verlängert worden.

Rahmenprogramm 3sat-Extra und ARTE en plus / Preis-Jurys

15. Oktober 2020

Dem aktuellen und historischen Filmschaffen von Frauen widmet die 44. Duisburger Filmwoche zwei Rahmenprogramme des Festivals. In Kooperation mit ZDF/3sat stellt Elena Meilicke im 3sat-Extra das Werk der Dokumentaristin Rosa Hannah Ziegler vor. Für das diesjährige ARTE en plus spricht Friederike Horstmann mit Birgit Kohler über den Kontext der feministischen Filmbewegung der Aktivistinnengruppe „Les Insoumuses“ im Frankreich der 1970er Jahre. Beide Gesprächsformate und das filmhistorische Programm en plus sind auf dem Online-Portal des diesjährigen Festivals abrufbar.

3sat-Extra: Rosa Hannah Ziegler im Gespräch mit Elena Meilicke

„Ihr Thema sind Familienbeziehungen, die von Brüchen geprägt sind, ihre Protagonist*innen Menschen, die Vernachlässigung und Missbrauch erlebt haben. Sie sind traumatisiert und finden dafür, entgegen landläufiger Erwartung, Worte – schöne und genaue, förmliche und ausgefallene.“ (Elena Meilicke)
Intime und einfühlsame Einblicke in die Dynamik und Struktur von Familien sind wiederkehrenden Themen in der Arbeit von Rosa Hannah Ziegler. Über ihre Herangehensweise an das dokumentarische Arbeiten und das Sprechen ihrer Protagonist*innen im Film spricht die Autorin mit der Kritikerin und Medien-und Kulturwissenschaftlerin Elena Meilicke. Meilicke wurde 2017 mit dem Siegfried-Kracauer-Preis für Filmkritik ausgezeichnet und ist derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität der Künste Berlin. Die Grimme-Preisträgerin Rosa Hannah Ziegler war bei der Duisburger Filmwoche 2018 mit Familienleben zu Gast und ist dieses Jahr mit ihrem Beitrag für die 3sat-Reihe „Ab 18!“ Ich habe dich geliebt im Wettbewerb. Bei doxs! waren ihre Kurzfilme „A Girl’s Day“ (2015) und „Du warst mein Leben“ (2017) für die GROSSE KLAPPE nominiert.

Das Gespräch wurde im Oktober 2020 aufgezeichnet und ist ab Dienstag, 3.11./ 11.00 Uhr auf der Online-Plattform des Festivals abrufbar.

ARTE en plus: Friederike Horstmann im Gespräch mit Birgit Kohler

Video als Medium der Emanzipation und Intervention war die Triebfeder des französischen Kollektivs „Les Insoumuses“ um die Videoaktivistinnen Carole Roussopoulos und Delphine Seyrig in den 1970er Jahren. Das ARTE en plus zeigt die Arbeiten Maso et Miso vont en bateau (FR 1976, 55 Min.) und S.C.U.M. Manifesto 1967 (FR 1976, 28 Min.) Mit Subversion und Humor eignen sich die Filmemacherinnen in Maso et Miso vont en bateau Filmmaterial einer chauvinistisch geprägten TV-Talk-Show an und kontrakarieren es mit eigenen Schrift-und Filminserts und Voice-Over-Kommentaren. In S.C.U.M. Manifesto 1967 übersetzen die Aktivistinnen ein radikal-feministisches Manifest von Valerie Solanas ins Französische und verflechten es auf der Bildebene mit Nachrichtenbildern eines männlich dominierten Weltgeschehens. In ihrem schriftlich aufgezeichneten Gespräch reflektiert Friederike Horstmann mit der Kuratorin des Programms, Birgit Kohler, diese Zeitdokumente feministischer Filmkunst. Friederike Horstmann arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am filmwissenschaftlichen Seminar der Freien Universität Berlin und schreibt zu Kino und Kunst in verschiedenen Magazinen. Sie ist Mitherausgeberin der Ausgabe „Feminismus und Film“ des Onlinemagazins „nach dem Film“. Birgt Kohler ist Co-Direktorin des Arsenal – Institut für Film und Videokunst in Berlin und publiziert zu zeitgenössischem Dokumentarfilm. Sowohl die Filme als auch der Text zum Gespräch von Horstmann und Kohler sind ab Donnerstag, 5.11. / 18.00 Uhr auf der Online-Plattform des Festivals abrufbar.

Akkreditierung für FIWO Online

Die Akkreditierung für den Online-Zugang ist für Fachpublikum und Pressevertreter*innen über die Website der Duisburger Filmwoche möglich. Dort werden alle Wettbewerbsfilme parallel zum Festivalprogramm in Duisburg für 72 Stunden hochgeladen und stehen in Deutschland (geo-geblockt) als Stream zur Verfügung. Außerdem finden sich dort Gespräche und Textbeiträge von Filmkritiker*innen und Medienwissenschaftler*innen zu den einzelnen Filmen.

ARTE- Dokumentarfilmpreis und 3sat-Dokumentarfilmpreis

Die enge Partnerschaft des Festivals mit 3sat und ARTE zeigt sich auch in der langjährigen Vergabe der renommiertesten Preise des Festivals. Zwei unabhängige Jurys werden von den Sendern für jeweils drei Jahre berufen. Seit der 43. Duisburger Filmwoche ist die Jury des ARTE-Dokumentarfilmpreises mit Esther Buss, Christian Popp und Serpil Turhan besetzt. Die Film-und Kunstkritikerin Esther Buss schreibt u.a. für kolik.film, Jungle World, Filmedienst und SISSYMAG. Christian Popp ist Produzent, Tutor und Berater für den Bereich Dokumentarfilm. Er ist Experte für das MEDIA Desk Schweiz und seit 2019 Kurator beim FIPADOC International Documentary Festival in Biarritz. Die Filmemacherin Serpil Turhan war in den Jahren 2010, 2013 und 2016 selbst mit ihren Filmen bei der Filmwoche zu Gast. Zurzeit hat sie eine Gastprofessur an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe inne.

Für die Jury des 3sat-Dokumentarfilmpreises sind Michael Baute, Gabriele Mathes und Julia Zutavern berufen. Michael Baute ist Journalist und Autor für verschiedene Fachpublikationen sowie Dozent für Filmgeschichte an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin. Gabriele Mathes ist im Vorstand des Drehbuchforum Wien und leitet dort seit 2006 das Jugendfilmfestival „video&filmtage“. Sie saß diversen Film-Auswahljurys bei und ist seit 2020 Mitglied des Filmbeirats des BMKOES (Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport) in Österreich. Die Filmwissenschaftlerin Julia Zutavern war Mitherausgeberin von Montage AV und schreibt für diverse Zeitungen und Magazine. Die beiden Preise sind jeweils mit 6.000 Euro dotiert. Nominiert sind alle Langfilme des Wettbewerbs. Die Bekanntgabe der Preise findet in diesem Jahr am Montag, den 9. November online statt.

Veröffentlichung Wettbewerb kurzer und mittellanger Film

5. Oktober 2020

Zu Dritt von Benjamin Bucher und Agnese Làposi

Dokumentarische Blicke auf Beziehungskonstellationen konturieren den Wettbewerb der kurzen und mittellangen Filme auf der 44. Duisburger Filmwoche. Sechs Arbeiten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind für den Preis der Stadt Duisburg nominiert. Nachwuchsautor*innen und junge Filmschaffende prägen mit ihren individuellen Handschriften die vielfältige Ästhetik des Programms.

„Beziehungsregime sind im Kino immer auch Blickregime. Das Austarieren von Nähe und Distanz ist eine dokumentarische Herausforderung, die sich inhaltlich und formal in den ausgewählten Filmen widerspiegelt. Ein bemerkenswerter ANSPRUCH, der eine vielversprechende Diskussionsgrundlage für die Filmwoche bietet“, sagen die Festivalleiter*innen Gudrun Sommer und Christian Koch.

Die Filme

In Zu Dritt (CH 2019, 23‘, Deutsche Erstaufführung) gehen Benjamin Bucher und Agnese Làposi mit auf Klassenfahrt und folgen Lea, Jonas und Saxana, einem widerspenstigen, aber liebenswerten Trio auf Achse. Außerhalb der organisierten Aktivitäten und meist abseits der anderen Jugendlichen, probieren sie vorsichtig aus, wer sie sein könnten; fragen sich, wie sie sein müssten. Die Filmemacher*innen fangen besondere Momente von Adoleszenz ein, des Oszillierens zwischen jung sein und erwachsen werden.

Rosa Hannah Ziegler beobachtet in Ich habe dich geliebt (DE 2020, 42‘, Festivalpremiere) Katharina und Ben, eine Beziehung in Trennung. Sie zeigt die letzten Versuche von Kommunikation – die Fragmente einer Sprache der Liebe. In schmerzhafter Ehrlichkeit folgt auf Vorwurf Ignoranz, Unsicherheit, Bluff, Verletzung, Wut und schließlich Rausschmiss. Ben bleibt alleine in seiner Wohnung zurück, es summt die Tätowiernadel. Rosa Hannah Ziegler war bereits 2018 mit Familienleben auf der Filmwoche zu Gast. Ich habe dich geliebt realisierte sie für die 3sat-Reihe „Ab 18!“.

In first in first out (DE/AL 2019, 26‘, Uraufführung) untersucht Zacharias Zitouni eine Familiengeschichte: Sein Vater arbeitet 24 Jahre nach der Abschiebung an einem Ort, der ihn täglich mit der „Vollstreckung der Ausreisepflicht“ konfrontiert. Seine Frau erzählt und berichtet von Vorurteilen und Gängelungen, von Überwindung durch Konfrontation. Er selbst schweigt darüber. In der Arbeit kocht er und macht die Logistik: „Es ist ganz normal für mich.“

Jan Soldat nimmt sich Zeit und richtet in Wohnhaft Erdgeschoss (DE/AT 2020, 48‘) die Kamera auf Heiko und dieser seine Kamera auf ihn. Heiko ist nackt und erzählt vom Verlust der Arbeit nach der Wende, von gewalttätigen Eltern und warum er in seine Wohnung pinkelt. Entschlossenheit ist seine Stärke, über seine Erzählungen werden Verlusterfahrungen einer ganzen Generation sichtbar. Jan Soldat zeigte zuletzt 2013 Der Unfertige in Duisburg.

Ganze Tage zusammen (DE 2019, 23‘) verbringen die Schüler*innen im Haus Regenbogen. Eine junge Frau erhält die Diagnose, sie habe ihre Epilepsie überwunden. Neue Freiheiten werden möglich. Schwimmen lernen, Fahrrad fahren. Gleichzeitig entfernt sie sich von den Anderen. Luise Donschens dokufiktionale Geschichte findet Bilder für Unausgesprochenes und verdichtet genaue Beobachtungen zu Tableaus der Melancholie. Ein distanzierter Blick voller Empathie.

Ungehorsam gegenüber den Regeln eines Computerspiels erforschen die Filmemacher Leonhard Müllner, Robin Klengel und Michael Stumpf in How to disappear (AT 2020, 21‘). Die Rolle des Deserteurs ist im Krieg sozial geächtet und wird mit dem Todesurteil bestraft, im Kriegsspiel ist sie nicht Teil des Programms. Auf der Oberfläche des Egoshooters „Battlefield V“ verhandeln die Autoren einen philosophisch-historischen Diskurs über die produktive Kraft des Desertierens und loten die Grenzen einer Software aus. Der Desktop-Film How to disappear wird als einziger Wettbewerbsbeitrag ausschließlich online mit einem anschließenden Videokonferenz-Gespräch präsentiert. In Duisburg persönlich zu Gast war Leonhard Müllner bereits 2018. Für seinen Film Operation Jane Walk erhielt er gemeinsam mit dem Co-Autoren Robin Klengel eine lobende Erwähnung der GROSSE KLAPPE-Jugendjury. 

Preise & Jury

Der Preis der Stadt Duisburg ist mit 5.000 Euro dotiert, um ihn konkurrieren alle Festivalbeiträge mit einer Länge von 20 bis zu 65 Minuten. Über die Auszeichnung entscheidet eine neu berufene Jury, bestehend aus Jenny Billeter, Samira El Ouassil und Andreas Bolm. Jenny Billeter ist Co-Programmleiterin des Kino Xenix in Zürich und seit 2019 Mitglied der Schweizer Filmakademie. Die Autorin und Schauspielerin Samira El Ouassil schreibt als medienkritische Kolumnistin bei Spiegel, Übermedien und Deutschlandfunk und veröffentlicht u.a. den Philosophie-Podcast „Sag niemals Nietzsche“. Der Filmemacher und Künstler Andreas Bolm war selbst mehrfach mit seinen Dokumentarfilmen bei der Duisburger Filmwoche eingeladen, zuletzt 2013 mit Die Wiedergänger.

Billeter, El Ouassil und Bolm fungieren außerdem als Juror*innen der Carte Blanche -Nachwuchspreis des Landes NRW, die ein Preisgeld von 5.000 Euro sowie ein Mentorat für ein aktuelles Projekt beinhaltet. Die Auszeichnung würdigt Nachwuchsautor*innen, die ihren ersten oder zweiten Film zum Wettbewerb eingereicht haben. In dieser Kategorie sind Zacharias Zitouni, Luise Donschen und das Duo Benjamin Bucher und Agnese Làposi, sowie, für ihre Langfilme, Michele Pennetta mit Il mio corpo (CH/IT 2020, 80‘) Lina Zacher mit Fonja (DE/MG 2019, 80‘) und Lisa Weber mit Jetzt oder morgen (AT 2020, 90‘) nominiert.

Insgesamt sind 16 Filme im Wettbewerb der 44. Duisburger Filmwoche vom 2. bis 8. November im Kino filmforum am Dellplatz zu sehen. Einzeltickets können ab dem 26.10.2020 über das Online-Verkaufssystem des filmforum erworben werden. Das ganze Programm der diesjährigen Festivalausgabe ist ab morgen, 6.10., mit dem Start der diesjährigen Festival-Homepage öffentlich einsehbar. Unter www.duisburger-filmwoche.de kann sich Fachpublikum für das Online-Angebot akkreditieren.

Eröffnungsfilm und Langfilme im Wettbewerb

25. September 2020

Zehn Beiträge konkurrieren auf der 44. Duisburger Filmwoche um die mit 6.000 Euro dotierten Dokumentarfilmpreise von ARTE und 3sat. Zu den Nominierten für die wichtigsten Auszeichnungen des Festivals zählt auch der diesjährige Eröffnungsfilm aus Österreich. Mit Aufzeichnungen aus der Unterwelt (AT 2020, 115´) von Tizza Covi und Rainer Frimmel feiert die Filmwoche am 2. November 2020 am Duisburger Dellplatz ihren Auftakt. Die beiden Autor*innen aus Wien waren schon mehrmals in Duisburg zu Gast und freuen sich über die Einladung: „Die Filmwoche ist eines der raren Festivals, das sich wirklich ernsthaft mit dem Medium auseinandersetzt. Diskussionen gehen hier weit über den bloßen Inhalt eines Filmes hinaus. Das kann an die Substanz gehen, aber auch viel Spaß machen.“

Covi und Frimmel gelingt mit ihrer neuen Arbeit ein charismatisches Porträt über zwei Wiener Milieugrößen der 1960er- und 70er-Jahre. „Stoßkönig“ Alois Schmutzer und Kurt Girk, der „Frank Sinatra von Ottakring“, berichten unterhaltsam und altersmilde nicht nur von ihrer Karriere als Glücksspielganoven, sondern auch von Polizeigewalt, unvorstellbaren Haftbedingungen und der fragwürdigen Justizpraxis jener Zeit. Musikalisch verbeugt sich der Dokumentarfilm vor dem Wienerlied.

Nähe zu Duisburg

Auch für Sabine Herpich, Daniel Kötter und Patric Chiha ist die Filmwoche vertrautes Terrain. Sabine Herpich stellt ihre neue Arbeit Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist (DE 2020, 106´) vor. Sie begleitet den Alltag und das Arbeiten in der Spandauer Kunstwerkstatt Mosaik. Es entstehen ausdrucksstarke und gefragte Werke, die schwer auf einen Begriff zu bringen sind.
Erst im letzten Jahr war die Berliner Autorin mit Ein Bild von Aleksander Gudalo auf dem Festival zu Gast.

In Rift Finfinnee (DE 2020, 79') entwirft Daniel Kötter eine Klang-und Bildcollage der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba und beleuchtet die Spannungen zwischen Bauern und Investoren, zwischen Gegenwart und Zukunft. Der Film ist der Abschluss einer Trilogie mit filmischen Studien zu urbanen Peripherien. Bei der Duisburger Filmwoche 2018 stellte Daniel Kötter seinen Film Chinafrika.mobile vor.

Nach Brüder der Nacht (Duisburger Filmwoche 2016) widmet sich Patric Chiha in seinem neuen Film dem Tanz. If It Were Love (FR 2020, 82´) beobachtet die künstlerische Arbeit der Performer*innen in „Crowd“, einem Theaterstück über die Rave-Szene der 90er Jahre von Gisèle Vienne. Eine sinnliche und formatsprengende Hommage an Körper in Zeiten des Social Distancing.

Debüt bei der Filmwoche

Die Nachwuchsautor*innen Lisa Weber, Michele Pennetta und Lina Zacher sind zum ersten Mal am Dellplatz zu Gast. In Jetzt oder morgen (AT 2020, 90´) verdichtet Lisa Weber ihren genauen Blick und das Gespür für emotionale Zwischentöne zu einer intensiven Familienstudie. Nicht nur, dass sie alle keinen Job haben – was der Protagonistin Claudia und ihrer Familie wirklich fehlt, ist eine Perspektive. Die Autorin war über drei Jahre an ihrer Seite und zeigt, was passiert, wenn scheinbar nichts passiert.

Michele Pennetta folgt in Il Mio Corpo (CH/IT 2020, 80´, Deutsche Erstaufführung) dem Alltag des sizilianischen Jungen Oscar – auf Schrottplätzen, auf dem Fahrrad, in der Familie.
Welten voneinander entfernt und doch ganz in der Nähe, lebt der Nigerianer Stanley. Im Tausch gegen eine geldwerte Gastfreundschaft räumt er die Kirche auf, pflückt Früchte, hütet Schafe. Zwei Suchbewegungen nähern sich langsam an.

Die Regisseurin Lina Zacher schafft in Fonja (DE/MG 2019, 80´) für zehn Häftlinge eines Jugendgefängnisses in Madagaskar Raum zur Selbstermächtigung. In einem Workshop übernehmen die jungen Männer die Kamera und entwickeln ihre eigenen Geschichten und ihre eigene Filmkunst. Die Dokumentation einer Dokumentation. 

Perspektiven von Frauen

Der Blick von Filmemacherinnen hat auch im diesjährigen Programm Gewicht. Die inhaltliche und ästhetische Vielfalt zeigen beispielhaft die Arbeiten von Aysun Bademsoy, Carmen Losmann und Constanze Ruhm. Aysun Bademsoy traf die Hinterbliebenen der NSU-Opfer und hörte ihnen zu. In Spuren (DE 2019, 81´) sprechen sie über Erinnerungen, bleibende Verletzungen und Enttäuschungen über den deutschen Rechtsstaat.

Mit Oeconomia (DE 2020, 89´) stellt Carmen Losmann die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum, Verschuldung und Vermögenswachstum. „Wie entsteht eigentlich Geld?" ist die zentrale von vielen Fragen der Autorin an Verantwortliche im Finanzsystem. So manche Antwort bleiben sie schuldig.

Constanze Ruhm sucht in Gli Appunti di Anna Azzori (DE/AT/FR 2020, 72´) nach Anna, der Protagonistin aus dem gleichnamigen Dokumentarfilm von Alberto Grifi und Massimo Sarchielli (Italien 1972-1975). Die Filmemacherin erforscht und rekonstruiert das reale Umfeld der damaligen Dreharbeiten für eine feministische Revision. Ein essayistischer Film mit starken Bildern als „Spiegel, der durch die Zeit reist“.

Karten sichern

Die 44. Duisburger Filmwoche findet dieses Jahr vom 2. bis 8. November 2020 im Duisburger filmforum statt. Ticketverkauf für Einzeltickets ist ab dem 26.10.2020 über das Online-Verkaufssystem des filmforum möglich.
Eine Auswahl der Filme ist in Kinos in Hamburg, München, Köln, Berlin, Zürich und Wien zu sehen. Karten für diese Kinovorstellungen können direkt über die Partnerkinos erworben werden.

Akkreditierung/Filmwoche online

Für Fachpublikum und Pressevertreter*innen wird das Programm auch online zu sehen sein. Die Akkreditierung für einen Online-Zugang ist ab 6. Oktober 2020 über die Website des Festivals möglich. Parallel zur Vorführung in Duisburg werden 72 Stunden lang alle Wettbewerbsfilme für Deutschland geo-geblockt als Stream verfügbar sein. Zudem umfasst das Online-Angebot das 3sat-Extra und ARTE-en plus, eine Vorschau auf ein neues Buch der dokumentarfilminitiative zum Werk von Merle Kröger und Philip Scheffner, sowie Gespräche und Textbeiträge von Filmkritiker*innen und Medienwissenschaftler*innen zu den einzelnen Filmen.

Wie weiter? Serielles Erzählen und dokumentarisches Arbeiten. Konferenztag zur Doku-Serie auf der 44. Duisburger Filmwoche

27. August 2020

Die 44. Duisburger Filmwoche widmet sich erstmals der seriellen dokumentarischen Form. Im Rahmen eines Konferenztages stellen deutsche und europäische Referent*innen Projekte und ihre Erfahrungen vor. Ein Praxisbericht aus der Perspektive von Filmschaffenden, Produzent*innen und Marktexpert*innen zur horizontal erzählten Wirklichkeit.

Der Erfolg serieller Formate im TV und Streaming ist ungebrochen. Auch die Dokumentarfilmschaffenden zeigen sich experimentierfreudig und erzählen zunehmend in Serie – mit großem Publikumszuspruch. "Tiger King" oder "The Last Dance" sind nur die jüngsten globalen Phänomene, die zeigen, wie man populär und komplex zugleich erzählen kann.

„Die Zuschauer kamen wegen der Morde und blieben wegen der Form.“ Für die True-Crime- Produzenten Mark und Jay Duplass („Wild Wild Country“, „Evil Genius“) hat die serielle Dramaturgie ein „völlig neues Reich des Storytelling“ eröffnet. Dessen Potenzial steht im Fokus eines neuen Festivalformats, das am Eröffnungstag (2. November 2020) im Kino filmforum stattfindet. Konzipiert  und moderiert wird die Konferenz von Torsten Zarges, Medienjournalist und Experte für Serienformate sowie Managing Partner der Agentur Zarges creative talent connection.

„Für Produzenten und Filmemacher aus dem Dokumentarischen tun sich momentan historische Chancen auf. Durch die richtige Verknüpfung von Erzählform und Distributionsplattform erzielen sie Reichweiten wie nie zuvor", so Torsten Zarges. "Ich freue mich, dass die Duisburger Filmwoche als eines der traditionsreichsten Dokumentarfilmfestivals diesen Trend aufgreift und kritisch unter die Lupe nimmt. Wir haben ein hochkarätiges internationales Line-up gewonnen, um verschiedenste Facetten der Doku-Serie zu diskutieren."

Zwei namhafte europäische Kenner der Produktionslandschaft geben ökonomische und persönliche Einblicke: Guy Bisson, Mitgründer und Forschungsleiter der Medienanalysefirma Ampere Analysis (London), präsentiert einen internationalen Markt- und Trendüberblick. Mit Regisseur und Produzent Justin Webster spricht in Duisburg ein Pionier des Formats. Für seine Fußball-Serie „Six Dreams“ gewann er den Emmy, die jüngste Produktion „Nisman“ feierte 2019 in San Sebastian Premiere. Websters Keynote „Captivating audiences. Why I make docuseries“ findet in Kooperation mit dem Creative Europe Desk NRW statt.

„Die Auseinandersetzung mit dokumentarischen TV-Formaten hat in Duisburg Tradition. Das Doku-Drama, die Doku-Soap oder selbst Kochsendungen wurden ab Mitte der 90er Jahre auf dem Festival intensiv diskutiert. Mit dem Konferenztag wollen wir daran anknüpfen. Uns interessieren diese experimentierfreudigen Entwicklungen im Fernsehen und auf Streaming-Plattformen aus künstlerischer und ökonomischer Perspektive“, erklären die Festivalleiter*innen Gudrun Sommer und Christian Koch

Zwei Case Studies veranschaulichen Erfahrungen aus der Praxis in Deutschland und Skandinavien. Die Filmemacherin Marie Wilke und ZDF-Redakteur Jörg Schneider präsentieren mit „Höllental“ die erste dokumentarische Serie der Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“. Wilke, mehrmals in Duisburg zugegen und 2018 mit „Aggregat“ Gewinnerin des Carte Blanche-Nachwuchspreises, geht in dem Sechsteiler dem Mord an Peggy Knobloch nach. Als Koproduzentin war auch Sigrid Jonsson Dyekjær bereits mit dem Film „Safari“ von Ulrich Seidl in Duisburg vertreten und ist dieses Jahr Oscar-nominiert für ihre syrisch-dänische Doku „The Cave". Ihre Firma Danish Documentary Production realisiert seit 2007 international prämierte Dokumentarfilme. Gemeinsam mit der Regisseurin Mikala Krogh berichtet sie in Duisburg über die Arbeit an „Scandinavian Star“, einer Serie über ein nie aufgeklärtes Fährunglück. Für ein Diskussionspanel sind außerdem Jennifer Mival, Manager Unscripted & Doc Series bei Netflix, Eva Müller, Projektleiterin von „docupy“ (ARD/WDR/btf), SPIEGEL-Redakteurin Hannah Pilarczyk und Martin Spieker, Chefredakteur Filmreif TV (Produzent der SWR-Serie „Bayreuther Straße“), zu Gast.

Anmeldungen für den Konferenztag „Wie weiter? Erzählerische und journalistische Potenziale der Doku-Serie“ sind ab dem 17. September 2020 möglich. Nähere Informationen zur Teilnahme werden Mitte September auf www.duisburger-filmwoche.de veröffentlicht. Die Veranstaltung wird unterstützt von der Film- und Medienstiftung NRW.

Duisburger Filmwoche in anderen Städten: Termine stehen fest

20. August 2020

Mit einem Satellitenprogramm bespielt die Duisburger Filmwoche erstmals sechs ausgewählte Kinos in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Termine stehen jetzt fest:

3.11.2020 Metropolis Kino in Hamburg
4.11.2020 Werkstattkino in München
5.11.2020 Filmpalette in Köln
6.11.2020 Kino Arsenal in Berlin und Kino Xenix in Zürich
7.11.2020 Österreichisches Filmmuseum in Wien

Die Filmauswahl für das Programm in Duisburg und die Veranstaltungen in den Partnerkinos wird Anfang Oktober veröffentlicht.

Auch die Vorführungen außerhalb Duisburgs setzen auf das Kino als Ort für Debatten und den diskursiven Austausch über dokumentarisches Arbeiten. Die Gespräche mit den Regiegästen moderieren die Mitglieder der Auswahlkommission, unterstützt von Susanne Quester in München, sowie Volko Kamensky und Bernd Schoch in Hamburg. Die Protokolle der Filmdiskussionen werden im Laufe der Festivalwoche auf unserer Website publiziert.

Duisburg geht ins Kino: Ausblick auf die 44. Festivalausgabe im November 2020

17. Juli 2020

Die Duisburger Filmwoche setzt auf das Kino und plant für die 44. Auflage vom 2. bis 8. November 2020 eine Festivalausgabe im Duisburger filmforum. „Ein Großteil der Filme, die in Duisburg gezeigt werden, ist für die große Leinwand konzipiert, gedreht und montiert. Diesen ästhetischen und rezeptiven Anspruch gilt es für uns als Festival bei allen erwartbaren Einschränkungen einzulösen“, erklärt das Leitungsteam Gudrun Sommer und Christian Koch. In diesem Sinne arbeitet die Filmwoche zusätzlich mit ausgewählten Kinos in sechs Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen. Begleitet wird die diesjährige Ausgabe von einem für die akkreditierte Fachbranche konzipierten Online-Angebot.

Die Umsetzung des Festivals unter den Bedingungen der Corona-Pandemie geht einher mit einer Reduktion des Programms, wobei alle Auszeichnungen wie bisher vergeben werden können. Die Jurys des 3sat- und ARTE-Dokumentarfilmpreises, der „Carte Blanche des Landes NRW“ sowie des Preises der Stadt Duisburg werden vor Ort im Kino die nominierten Beiträge sichten und diskutieren. Zugangsbeschränkungen für das Publikum orientieren sich an den im November bestehenden Maßgaben.

Dabei gilt es, den Dialog, für den die Duisburger Filmwoche mit dem diesjährigen Festivalmotto ANSPRUCH steht, fortzuführen. „Was Festivals im Gegensatz zu Streaming-Plattformen leisten, ist der unmittelbare Austausch zwischen Filmschaffenden und ihrem Publikum. Auf dieses gemeinsame Sehen und Sprechen, die körperliche Präsenz, wollen wir nicht verzichten“, so die Festivalleitung. Wie gewohnt stellen sich die Regisseur*innen im Anschluss an die Filme im Publikumsgespräch den Fragen und Anmerkungen der Zuschauer*innen. Jedes Gespräch in Duisburg wird protokolliert. Gleiches gilt für die sogenannten Satellitenveranstaltungen.

So soll der Anspruch des gemeinsamen Diskurses auch in den sechs kooperierenden Kinos wirken. Hier fungieren derzeitige und ehemalige Kommissionsmitglieder*innen als Gastgebende und moderieren die Publikumsgespräche mit den eigens dafür angereisten Filmschaffenden. Dafür konnten renommierte Filmtheater als Spielstätten gewonnen werden. Die Filmwoche ist mit einer Auslese des Programms im Kino Xenix (Zürich), im Arsenal (Berlin) und im Österreichischen Filmmuseum (Wien) zu Gast. Zusätzlich sind Vorstellungen in München, Hamburg und Köln in Vorbereitung. „Aufgrund der Einschränkungen können wir in Duisburg nicht so viele Zuschauer*innen begrüßen“, so Christian Koch. „Deshalb haben wir uns für ein dezentrales Festivalkonzept entschieden, mit dem wir die Filme näher an die Kinos und die Kinos näher zu unserem Publikum bringen können.“

Parallel zur Vorführung in Duisburg werden für das Fachpublikum alle Wettbewerbsfilme online zur Verfügung gestellt. „Wir sehen keinen Antagonismus zwischen Streaming und der Leidenschaft für das Kino“, sagt Gudrun Sommer. In Form eines geo-geblockten Online-Angebots mit Akkreditierten-Zugang wird nicht nur eine Absicherung für alle Eventualitäten der Pandemie geschaffen, sondern der Branche in diesem besonderen Jahr eine Teilnahme ohne Anreise ermöglicht. Außerdem wird das virtuelle Programm durch digitale Diskursformate ergänzt.

Die Sichtungen der Duisburger Filmwoche haben bereits begonnen. Das Auswahlgremium, bestehend aus dem österreichischen Autor und Filmwissenschaftler Alejandro Bachmann, der Filmemacherin Bettina Braun, der Regisseurin Anja Dreschke, der Filmemacherin und Produzentin Alex Gerbaulet, dem Medienwissenschaftler Jan Künemund und dem Schweizer Filmemacher und Produzenten Luc Schaedler, sichtet gemeinsam mit der Festivalleitung im filmforum Duisburg bereits die ersten Einreichungen. Weitere Einzelheiten zu Akkreditierung, Programmstruktur und Wettbewerb werden im September veröffentlicht.