Preisträger:innen der 46. Duisburger Filmwoche


ARTE-Dokumentarfilmpreis 

Der mit 6.OOO Euro dotierte ARTE-Dokumentarfilmpreis, überreicht durch Martin Pieper, Leiter der THEMA-Redaktion ZDF/ARTE, geht an

Benedikt
von Katrin Memmer | DE 2021 | 72 Min.

Benedikt Filmstill Begründung der Jury:
Ein Mann arbeitet. Er arbeitet schnell und in einem fort. Er arbeitet mit Tieren, routiniert sind seine Abläufe, vielleicht sogar ein wenig ruppig. Es gibt eine Faszination für diese Arbeit und die Zeit, die sie dauert. Und wie als bräuchte es ein Verstehen vor dem Einlassen, löst sich die Kamera erst nach und nach vom Protagonisten, folgt einer Lust am Schauen hinein in die Natur, hinein in Oberflächen: Fell, Haare, Blätter im Wind, auch in die Dunkelheit. Wir sehen das nicht zum ersten Mal. Aber eine Erfahrung ist niemals universell, immer einzigartig. Im Kino, unter vielen, hin auf die Leinwand und zwischen den Lautsprechern kann diese Erfahrung sich übertragen. Und dann passiert das, was immer ein kleines Wunder ist: Ohne dass wir verstehen wie, sind wir berührt. Von Benedikts Sein in der Welt ebenso wie von dieser Welt mit ihren Schafen, Bienen, Maschinen und der Bewegung der Luft.

Lobende Erwähnung für

Aşk Mark ve Ölüm
von Cem Kaya | DE 2022 | 98 Min.

Der Film ermöglicht den einen, eigene Erinnerungen anhand gut recherchierten Archivmaterials und packender Erzählungen von Zeitzeugen noch einmal zu durchleben und den anderen die Entdeckung eines wenig beachteten Kapitels der deutschen Kulturgeschichte. Zusammen bringt sie die vielfältige Musik, die der Film feiert. Damit schafft er einen frischen und vielschichtigen Einblick in das deutsch-türkische Kulturleben in Deutschland und widersetzt sich den zumeist einseitig definierten herkömmlichen Zuschreibungen.

12. November 2022, die Jury: Luise Donschen, Hannes Lang, Can Sungu

 

3sat-Dokumentarfilmpreis

Der mit 6.000 Euro von den vier Partnern des Gemeinschaftsprogramms ZDF, ORF, SRG und ARD dotierten 3sat-Dokumentarfilmpreis, überreicht durch Natalie Müller-Elmau, Koordinatorin 3sat, geht an

Unrecht und Widerstand
von Peter Nestler | DE, AT 2022 | 113 Min.

Unrecht Und Widerstand Still 02Begründung der Jury:
"Unrecht und Widerstand“ - der Titel beschreibt, was der Film verhandelt:
den Völkermord an den Sinti und Roma und ihren jahrzehntelangen Kampf gegen Diskriminierung, den Widerstand einer Minderheit, aus dem eine B
ürgerrechtsbewegung entstand und der erst 1982 zur Anerkennung des Genozids durch die Bundesregierung führte.

Der Film ist eine dringliche Aufarbeitung eines Teils deutscher Geschichte, der eine Leerstelle im kollektiven Bewusstsein markiert – und einen Skandal: die Verlängerung des Unrechts im Nachkriegs-Deutschland durch die Kriminalisierung der Sinti und Roma.

Romani Rose, Bürgerrechtler und Hauptprotagonist des Filmes, beschreibt es mit folgenden Worten: "Die Täter behielten die Deutungsmacht über ihre Opfer und haben sich darüber rehabilitiert."

Rhetorisch brillant stellt sich der Film in den Dienst dieser Aufarbeitung. Präzise montiert er sein Material: Erinnerungen von Zeitzeug:innen, zeitgenössische Forschung und Archiv. Unsere Empathie als Zuschauer:innen entsteht gerade durch die Sachlichkeit der Argumentation.

Der Film räumt auf und sortiert: mit Vorurteilen und Klischees, mit Ignoranz und Unwissenheit - er erinnert uns daran, worauf es ankommt:

„Wichtig ist, die eigenen Ambivalenzen auszuhalten, nicht eine Gruppe von Menschen für unsere Ängste oder Sehnsüchte haftbar zu machen.“ (Zitat aus Film)

Damit leistet der Film einen wichtigen Beitrag zu aktuellen identitätspolitischen Debatten.

12. November 2022, die Jury: Britt Beyer, Gabriele Mathes, Julia Zutavern

 

Preis der Stadt Duisburg 

Der mit 5.OOO Euro dotierte Preis der Stadt Duisburg für kurzen und mittellangen Dokumentarfilm, überreicht durch Astrid Neese, Beigeordnete für Bildung, Arbeit und Soziales der Stadt Duisburg, und der Ersten Bürgermeisterin Edeltraud Klabuhn, geht an

Sonne unter Tage 
von Alex Gerbaulet, Mareike Bernien | DE 2022 | 39 Min.

Sonne unter Tage Filmstill Begründung der Jury:
Was wir aus der Erde holen, sucht uns irgendwann heim – als saure Wolken, als Tumore, als nukleare Sprengköpfe. Der Abbau von Uran hinterlässt eben nicht nur Narben in der Landschaft, sondern in unserem Leben. Die Frage ist: Wie kann sich ein Film diesen Spuren in Bildern und Ton annähern, wie sie sichtbar machen? Dieser Herausforderung stellt sich „Sonne unter Tage“, der die Perspektive der DDR-Umweltbewegung und ihren Widerstand gegen den Uran-Abbau zum Ausgangspunkt für eine komplexe Recherche nimmt. Alex Gerbaulets und Mareike Berniens Arbeit besticht dabei insbesondere durch konzeptionelle und inhaltliche Dichte und die ästhetische Konsequenz, mit der sich der Gegenstand des Films, das Uran, in das filmische Bild einschreibt – als Leuchten, als Flackern, als Farbverschiebungen.

12. November 2022, die Jury: Cana Bilir-Meier, Juan S. Guse, Simon Spiegel

 

„Carte Blanche“ Nachwuchspreis des Landes NRW

Der mit 5.OOO Euro dotierte „Carte Blanche“ Nachwuchspreis des Landes NRW, überreicht durch Gonca Türkeli-Dehnert, Staatssekretärin im Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, geht an

Zweisamkeit 
von Lilian Sassanelli | AT 2022 | 44 Min

Zweisamkeit Filmstill
 Begründung der Jury:
Was ursprünglich als persönliche Spurensuche nach Antworten auf Fragen der Liebe begann, entwickelt sich zum intimen Porträt der eigenen Grosseltern und ihrer fast lebenslangen Zweisamkeit. Liebe, so macht der feinfühlige Film von Lilian Sassanelli deutlich, muss selbst bei einem vermeintlichen Traumpaar wie Elke und Klaus stets neu verhandelt werden. Der Regisseurin gelingt dabei das formale Kunststück, scheinbar mühelos zwischen Nähe und Distanz zu balancieren, indem sie Bilder biederer Bürgerlichkeit auf Momente grosser Nähe und Verletzlichkeit folgen lässt. Mit Briefen, Archivbildern, Beobachtungen und Gesprächen der Grosseltern legt der Film dabei auch die Verletzlichkeit der Filmemacherin selbst offen und zeigt, dass Liebe ein gemeinsamer Prozess des Wachsens, Wohlwollens, Lernens und Verlernens ist.

Der Preis soll Ansporn sein, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen. Die Preisträgerin wird dabei durch ein Mentorat unterstützt.

Lobende Erwähnung für

Drei Frauen 
von Maksym Melnyk | DE 2022 | 85 Min.

In Stuschytsia, einem Nest in den ukrainischen Karpaten, treffen Filmemacher Maksym Melnyk und sein Team auf ein in der Auflösung begriffenes Dorf. So unterschiedlich die drei Protagonistinnen sind, vereint sie doch der Wille, in schwierigen Verhältnissen durchzuhalten. In seiner Annäherung an die drei Frauen und an seine Heimat verharrt der Regisseur nicht in einer rein beobachtenden Position, sondern webt zusehends sich und seine eigene Positionierung in den Film ein und wird so selber zum Akteur.

12. November 2022, die Jury: Cana Bilir-Meier, Juan S. Guse, Simon Spiegel

 

Publikumspreis der Rheinischen Post

Der mit 1.000 Euro dotierte Publikumspreis der Rheinischen Post für den beliebtesten Film des Festivals, überreicht durch Peter Klucken, geht an

Drei Frauen 
von Maksym Melnyk | DE 2022 | 85 Min.

Drei Frauen Filmstill

12. November 2022, die Jury: Kurt Große-Gehling, Petra Müller und Manuela Neumann, Dagmar Ohlwein  


Preisträger:innen der 46. Duisburger Filmwoche mit Alexander Scholz
 
(Von links nach rechts: Peter Nestler, Maksym Melnyk, Katrin Memmer, Alex Gerbaulet, Anna Schweitzer, Alexander Scholz, Lucija Ana Ilijic)