Die Preisträger der 28. Duisburger Filmwoche



Der 3sat-Dokumentarfilmpreis für den besten deutschsprachigen Dokumentarfilm, dotiert mit 6.000 Euro, geht an:

Hans im Glück
von Peter Liechti, Schweiz, 2003, 90 Min, Farbe

Begründung: Einer macht sich auf den Weg, um eine Sucht abzulegen, die er liebt, und findet dabei die Welt wieder, in der sie entstand. Das ist ein Film, in dem die Sorgfalt und die Genauigkeit der Beobachtung zu einer reifen poetischen Form finden. Im "Vorsichhinschweizern" zwischen Zürich und St. Gallen erlebt Peter Liechti die Qual und das Glück, nicht zu rauchen. Im Entzug schärft sich die Wahrnehmung der Dinge, die er mag und nicht mag. Der Prozess des Filmemachens wird konkret als Fußmarsch und Forschungsreise, und beim Übersteigen des Säntis wird auch filmisch sinnfällig, was es heißt, über den Berg zu sein.



Der ARTE-Dokumentarfilmpreis für den besten deutschen Dokumentarfilm, dotiert mit 6.000 Euro, geht an:

Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?
von Gerhard Friedl, Deutschland, 2004, 70 Min, Farbe

Begründung: Der Film HAT WOLFF VON AMERONGEN KONKURSDELIKTE BEGANGEN? stellt die Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland in einer experimentellen Form dar, die gängige Muster der filmischen Repräsentation von Geschichte infrage stellt. Zu sehen sind unspektakuläre Bilder von Städten, Landschaften, Fabriken, Flughäfen. Zu hören ist eine Stimme, die im lakonischen Tonfall von den Karrieren, Sitten, Spleens und Katastrophen des Großkapitals spricht. Bilder und Text laufen parallel, ohne zwangsläufig zur Deckung zu kommen. Die Montage irritiert, statt zu illustrieren. Der Film wirft Fragen auf wie: Ist Wirtschaftskriminalität abbildbar? Von welchem Standpunkt aus lässt sich heute ein Wissen über die Macht formulieren? Aber auch: Verschließt der Zweifel an der Darstellbarkeit des Kapitals die Dimension des Politischen? Oder eröffnet er diese nicht zu aller erst? Diese Positionen blieben in der Jury strittig. Jenseits dieses Streits finden wir aber die konsequente Formulierung dieser Filmsprache preiswürdig.



Der Förderpreis der Stadt Duisburg, dotiert mit 5.000 Euro, geht an:

Wilhelm der Schäfer
von Josie Rücker, Deutschland, 2004, 26 Min, Farbe

Begründung: Der Film WILHELM DER SCHÄFER thematisiert das Verschwinden einer Welt: Die Abschaffung der Schafzucht auf EU-Beschluss hat die Existenzen der Schäfer in Ostdeutschland vernichtet. In eindrucksvollen Bildern vergegenwärtigt der Film die Vergangenheit und erzählt in einem so subjektiv wie lapidar gesprochenen Kommentar die Geschichte des Schäfers Wilhelm. Ohne den Blick auf die Verhältnisse durch Sentimentalität zu verstellen, wird ein Verlust registriert. Der Rhythmus der Filmbilder erzeugt zwischen Stillstand und Bewegung ein Gefühl für Zeitlichkeit und Vergänglichkeit, das die bewusste Verwendung von 35mm-Film auf der Materialebene noch verstärkt. Auf der Tonspur erinnern verfremdete sozialistische Lieder an das Glücksversprechen einer vergangenen Gesellschaft. Die Qualität des Filmes liegt darin, dass er dieses Versprechen weder verklärt noch verrät.



Der Publikumspreis der Rheinischen Post, dotiert mit 1.000 Euro, geht an:

Was lebst du?
von Bettina Braun, Deutschland, 2004, 82 Min, Farbe



Der Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts geht an:

Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?
von Gerhard Friedl, Deutschland, 2004, 70 Min, Farbe

Begründung: Die im Titel gestellte Frage öffnet zunächst einmal den Blick für die komplex verflochtenen Verhältnisse in Wirtschaft und Politik der Bundesrepublik. Der Film weist in seiner Beschreibung von Korruption und Filz jedoch über die nationalen Grenzen hinaus auf international entschlüsselbare Machtstrukturen. Gerhard Friedl gelingt es, beim Zuschauer ein Unbehagen gegenüber der herrschenden Machtelite zu mobilisieren. Dabei vermeidet er einfache Antworten und ermutigt stattdessen zu selbstständigen Schlüssen, indem er erfolgreich Freiräume für eigene Gedanken schafft. Dieser Interpretationsspielraum entsteht durch die nicht kausale und nicht chronologische Form des Films, verstärkt durch das Verhältnis von Bild und Text, das zwischen Nähe und Distanz oszilliert. Der gleichmäßig modulierende und damit wertende Sprecher fordert den Zuschauer heraus, eigene gedankliche und visuelle Verknüpfungen herzustellen. Der Film bewegt sich in einer Endlosschleife möglicher Zusammenhänge und Deutungen, die überall auf der Welt entwickelt und erweitert werden können.

Der Preis ist mit 2.000 Euro dotiert. Zusätzlich wird der Film angekauft, mit englischen, französischen und spanischen Untertiteln versehen und den Goethe-Instituten weltweit zur Verfügung gestellt.