EXTRA I

Hier kocht das Medium
Über Kochsendungen im Fernsehen


Der Erfolg von Kochsendungen im Fernsehen scheint unabwendbar: In allen Formaten und Konfektionen brutzeln sie über die Bildschirme — als Gameshows, Talkshows, Serviceleisten in Magazinen. Kein Hunger auf Omas Küche, toskanische Standards oder thailändische Exotica bleibt ungestillt. Worin liegt diese Karriere begründet? Immerhin sind die Kochsendungen als Quotenklassiker eng mit dem Aufkommen des Mediums verknüpft: Schon 1937 gab es in der BBC einen (notabene: französischen ) Fernsehkoch. Und heute gibt es es spezielle "food-channels", die auf vielen Kontinenten ihre Konsumenten finden. Was macht die Faszination dieser Formate aus? Ist es Lust am Lernen oder doch mehr am Schauen? Was sagen Kochsendungen über kulturelle und mediale Standards aus? Wird "wirklich" gekocht oder sind sie hochelaborierte Artefakte?

Die Filmwoche möchte diesen Fragenstellungen in drei Vorträgen nachgehen, angereichert mit aufschlussreichem Archivmaterial aus deutschen und internationalen Fernsehküchen. Die Medienwissenschaftlerin Robin Curtis aus Berlin gewährt einen Einblick in den "Food Network Canada", der den Multikulturalismus - die offizielle "Landesidentität" seit 1971 - entscheidend mitgeprägt hat. Die Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Monika Bernold aus Wien wird unter dem Titel "Eating on the Surface - Der Koch, der Bildschirm, die Küche und das Programm" historische Perspektiven zur Fernsehküche verhandeln. Moderieren wird Drehli Robnik (Wien/Amsterdam).



Special:

Innenausstattung eines Staates
Zu Thomas Heises Das Haus/1984 und Volkspolizei/1985


In Uraufführung wird die Duisburger Filmwoche zwei außerordentliche Dokumentarfilme des Autoren Thomas Heise präsentieren. Sie sind 1984 bzw. 1985 in der DDR entstanden und bislang nie aufgeführt worden - staatliche Stellen hatten dies verhindert. Erst in diesem Jahr ist es mit Hilfe des SFB gelungen, das Material zu rekonstruieren und in die Form zu bringen, die der Autor damals beabsichtigt hatte.

Diese Filme sind in enger Zusammenarbeit mit dem Kameramann Peter Badel entstanden und zeigen Orte, die für den DDR-Film absolut arkan waren. Erst jetzt kommt ihr Bild in die öffentlichkeit. Es sind Bilder von verstörender Kargheit und Direktheit, welche die wie selbstverständliche Machtausübung "staatlicher Organe" und die hauptsächliche Einverständlichkeit ihrer Bürger zeigen. Daneben stehen Bilder von der Topographie dieser Berliner Viertel, die die seltsam unwirklich erscheinen und doch die Wirklichkeit jener Zeit widerspiegeln.

"Das Haus/1984" ist in acht Drehtagen in 16mm s/w realisiert, beginnend mit Wahlsonntag, Pfingstmontag usw, endend mit Hochzeitssamstag, der ersten Hochzeit des Tages am Weltfriedenstag 1. September 1984. Jeder Wochentag steht für ein Amt. (...)

Ich werde nichts ändern, verbessern, glätten, sondern die Sachen wiederherstellen, weil es den Film 1984 nicht geben durfte. So etwas sollte man nicht hinnehmen, mal sehen, wer den längeren Atem hat. Und jetzt ist er endlich fertig, im Jahre 2001. Ohne Kopie, aber als Digibeta, immerhin. Es ist mein zweiter überhaupt "fertig" gewordener Film, mein Debüt nach dem Studium. (...) Ich beschreibe das Klima, in dem etwas entsteht/geschieht. Mich interessiert, was jetzt davon zu sehen ist. (...)

Der zweite Film heißt "Volkspolizei/1985". (...) Ich bin SF-Fan und hatte mal eine Geschichte gelesen von irgendwelchen Astronauten auf einem fernen, blöden Planeten mit lauter ärgerlichen Affen, die nervten und immer alles klauten. Und da ist einer abgehauen aus der Mannschaft und hat die Schnauze voll gehabt von all den blöden überall alles klauenden und dummen Affen und ist ab in die Berge und hat Höhlen gesucht und dort hinein riesige Mickey-Mäuse gemalt und Donalds und alles sowas. Die Wandmalereien waren seine Rache. Die Rache an der Zukunft der Affen.
(...) Ein Film war technisch noch möglich, wenn man sich beeilte und dann nichts mehr. Es gab danach nichts mehr, wo ich vielleicht dennoch hätte Filme machen können in der DDR. Es war 1985 alles egal, es hatte sich für mich in der DDR erledigt. (...)

Es sind Debütfilme und es gibt nicht Vergleichbares in der DDR-Filmgeschichte. Die Filme dürften ein Diskussionsgegenstand sein, müßten sich dem Gegenwärtigen stellen. Ich denke, das halten sie aus.

(Thomas Heise, 28. Juli 2001)

Daher sollen die Filme in Duisburg nicht als "Dokumente" diskutiert werden oder und schon gar nicht als "Regalfilme". Vielmehr soll der differente, verbotene Blick jener Jahre in seiner ästhetischen Eigenständigkeit bewertet und Vergleiche zu heutigen Sichtweisen auf die vergangene DDR ermöglicht werden. Zu dieser Debatte haben wir neben Thomas Heise und Peter Badel den Berliner Filmwissenschaftler Detlef Kannapin eingeladen, um der Komplexität dieser Filme - die alt und doch neu, Geschichte und doch Gegenwart sind - nachzuspüren. Moderieren wird Vrääth öhner von der Auswahlkommmission.


EXTRA II

Peter Piller: Regionales Leuchten
Eine Ausstellung im Rahmen der 25. Duisburger Filmwoche


Die Duisburger Filmwoche feiert in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen. Ein Jubiläum ist zwangsläufig der Moment, in dem Vergangenheit und Zukunft bewusst reflektiert werden: Man zieht eine kritische Bilanz, wagt einen Blick in die Zukunft, nimmt Gratulationen entgegen und feiert sich selbst. Hierbei geht vielleicht ein wesentlicher Gedanke verloren: Das kurze Innehalten für einen grossen Moment und die Sichtbarmachung der abwesenden Geschichte mit Mitteln der Gegenwart. Die Sichtbarkeit und die Strategien dieser Inszenierungsleistungen werden in der diesjährigen Ausstellung Regionales Leuchten von Peter Piller in den Fokus genommen. Peter Piller zeigt uns Bilder, die von der Anstrengung zeugen, das Ausserordentliche festhalten zu wollen: Jubiläen, Ehrungen, Einweihungen und Spatenstiche, von Regionalzeitungen in Deutschland inszeniert und veröffentlicht. Der Künstler sammelt seit mehreren Jahren diese banal anmutenden Bilder und verfügt über ein Archiv von 4000 Fotografien. Die Struktur ergibt sich aus den "gefundenen Bildern" selbst, aus deren "offensichtlichem" Inhalt, oder aber aus einem unbemerkten Detail, auf das der Künstler erst bei grösserer Materialdichte gestossen ist (so z.B. die Serie "Auto berühren").

Diese Rekontextualisierung, die Piller mit seiner Ausstellung leistet, ermöglicht einen neuen Blick auf diese Fotografien, der sich zudem an der seriellen Präsentationsform verschärft. Das Beiläufige wird auffällig, das Ausserordentliche zum Ritual. Die Vorzeichen umkehren, den Blick auf den Kopf stellen, das Glas Wein dabei fest in der Hand: Regionales Leuchten ist eine Einladung dem Glanz des Feierns und Jubilierens, des Aussergewöhnlichen im Alltag, kritisch und humorvoll zu begegnen.


Weitere Arbeiten von Peter Piller unter www.peterpiller.de

Die Ausstellung findet statt in Kooperation mit der Galerie mini des HundertMeister.

Mit der freundlichen Unterstützung von